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Log+Key bei 70 Kund:innen — drei Dinge, die uns überrascht haben
Wir haben Log+Key gebaut, weil ein Kunde uns gefragt hat, ob wir ihre Inventarverwaltung neu denken können. Sieben Jahre später ist es eine Plattform mit 70 Kund:innen — und drei Dinge sind anders gelaufen, als wir gedacht hatten.
Log+Key ist die Inventar- und Asset-Plattform, die wir 2018 begonnen haben. Damals waren wir eine Agentur, die ein Kundenproblem zu offensichtlich fand, um es nicht zu lösen: Schulen, Kliniken und Unternehmen mit vielen physischen Gegenständen führten ihre Inventare in Excel-Tabellen, die niemand mehr verstand.
Sieben Jahre später betreut Log+Key etwa 70 Organisationen — Sportvereine, Werkstätten, Bauhöfe, Bildungseinrichtungen. Wir wissen jetzt einiges, das wir damals nicht ahnen konnten. Drei Dinge davon sind unbequem genug, um es wert zu sein, sie aufzuschreiben.
1. Das Onboarding ist das Produkt
Wir hatten Log+Key gebaut, weil wir die Software für richtig hielten. Sauber strukturierte Datenmodelle, schnelle Suche, kluge Berichte. Die Demo war beeindruckend.
Was wir nicht eingeplant hatten: Die ersten 60 Tage einer neuen Kund:in haben mit unserem Produkt nichts zu tun. Sie haben mit dem Excel zu tun, das sie noch besitzen. Mit den 2.000 oder 8.000 oder 40.000 Gegenständen, die irgendwo verzeichnet sind — oder eben nicht. Mit der Kollegin, die wegen einer alten Etikettenordnung “Bitte ändert das nicht” sagt. Mit dem Werkstattleiter, der die App schon mal kurz auf Französisch ausprobieren wollte.
Was wir falsch erwartet hatten: dass diese Phase “Migration” heißt und nach ein paar Tagen vorbei ist.
Was tatsächlich passiert: diese Phase ist der Verkauf. Und sie dauert sechs Wochen. Wer in diesen sechs Wochen das Gefühl bekommt, mit den vorhandenen Daten überfordert zu sein, kündigt die Testphase und bleibt bei Excel. Wer das Gefühl bekommt, dass jemand ihnen tatsächlich zuhört und mit den ganz konkreten Eigenheiten ihrer Inventarwelt umgeht, wird zu einem zehnjährigen Kund:innen-Verhältnis.
Wir haben das Onboarding über Jahre umgebaut. Aus einer “PDF-Anleitung plus E-Mail-Support” wurde ein strukturierter 6-Wochen-Prozess mit wöchentlichem Check-In, einer Migrations-Sandbox, einem Etikettendrucker-Test-Set, das wir verschicken, und einer Person bei uns, die fast den ganzen Tag Onboarding macht.
Der Punkt ist nicht “wir machen jetzt Customer Success”. Der Punkt ist: was sich nach Service anfühlt, ist tatsächlich Produkt. Und solange wir das nicht ernst genommen haben, war Log+Key trotz guter Software ein schwieriger Vertrieb.
2. Die kleinen Kund:innen ziehen die großen mit
Die zweite Lektion war Anti-Strategie.
Im klassischen SaaS-Playbook geht man nach oben: erst kleine Kund:innen für die Validierung, dann mittlere für Umsatz, dann Enterprise. Wir haben das in der ersten Hälfte versucht und sind regelmäßig daran gescheitert, dass Enterprise-Kund:innen Ausschreibungen, Datenschutz-Audits, On-Premise-Deployments und SLA-Verhandlungen wollen — und wir damit ein Team von zwei Personen monatelang banden, ohne in der Substanz weiterzukommen.
Was wir stattdessen gemacht haben — eher aus Frust als aus Plan: wir haben kleine Kund:innen ernst genommen. Vereine mit 200 Gegenständen. Eine Initiative, die einen Geräteverleih für ihren Stadtteil organisiert. Eine kleine Werkstatt mit 12 Mitarbeitenden. Niemand würde diese Kund:innen für SaaS-Wachstum empfehlen — der Umsatz pro Kund:in ist klein, der Support-Aufwand pro Euro hoch.
Was wir nicht erwartet hatten: diese kleinen Kund:innen reden miteinander. In Vereinsnetzwerken. In Verbänden. Bei Schulungen. In Sozialen Medien. Und über ein paar Jahre hinweg hat das eine Reputation gebaut, die größere Kund:innen wir gefunden haben, bevor sie eine Ausschreibung gestartet haben.
Das ist der zweite Befund: das beste Marketing-Asset einer Nische-SaaS sind die kleinen Kund:innen, die euch über Jahre treu sind und untereinander reden. Nicht die LinkedIn-Posts. Nicht die paid Ads. Nicht die “Wir sind schnell wachsend”-Story auf Konferenzen.
Und das ist auch der Grund, warum unsere Roadmap nicht so aussieht wie die der Enterprise-SaaS-Anbieter: wir bauen viel Selbstbedienung, viel Dokumentation, viel “es geht auch ohne uns” — weil wir wissen, dass die treue kleine Kund:in sich in der eigenen Geschwindigkeit erschließt, was sie braucht.
3. Die spannendsten Features kommen aus seltenen Anfragen
Die dritte Lektion ist methodisch. Sie hat unsere Art, Produkt zu denken, verändert — auch in den anderen Sachen, die wir bei Westwerk machen.
Wir hatten lange ein System: Feature-Requests landen im Backlog, werden gewichtet nach “wie viele Kund:innen brauchen das” und “wie viel Aufwand ist es”, und dann nach Priorität abgearbeitet. Klassisch.
Was wir gemerkt haben: die Features, die am häufigsten gewünscht wurden, waren auch die langweiligsten. Bessere Berichte. Mehr Filter. Schnellere Suche. Wichtig, aber Inkremente. Sie haben uns nie eine neue Kund:innen-Schicht erschlossen.
Die Features, die seltene Anfragen waren — eine oder zwei Kund:innen, die etwas Spezielles brauchten — haben mehrfach unser Verständnis von “Wofür ist Log+Key überhaupt da?” verschoben.
Beispiel: Eine Bibliothek wollte einen “Patenschaft-Modus” für Bücher, die langfristig an Personen ausgeliehen werden, mit halbjährlicher Lebenszeichen-Anfrage. Wir haben es als Spezialwunsch betrachtet, aber gebaut. Sechs Monate später waren es Schulen, die ihre Tablets so verwalten wollten. Dann Werkstätten, die ihre Schutzhelme so verwaltet haben. Heute ist “longterm assignments” ein eigenständiger Featurebereich, der ein Drittel unserer aktivsten Kund:innen ausmacht.
Wir interpretieren das jetzt so: eine seltene Anfrage ist oft kein Spezialfall, sondern ein nicht-erschlossenes Segment. Wer genau nach etwas fragt, das niemand sonst fragt, hat oft die Brille eines anderen Marktes auf. Der Trick ist, das zu erkennen — nicht das Feature einfach zu bauen, sondern zu fragen: warum fragt diese Kund:in ausgerechnet danach? Was sieht sie, das andere nicht sehen?
Bei den Standard-Wünschen reicht es zu liefern. Bei den seltenen Wünschen ist die Frage warum der eigentliche Erkenntnis-Hebel.
Was wir für die nächsten Jahre mitnehmen
Sieben Jahre Log+Key haben uns drei Sachen klargemacht, die wir auf alles anwenden, was wir bei Westwerk weiter bauen — auch auf FleetBench, auf die neuen Service-Produkte, und auf die Westwerk-Website selbst:
- Onboarding ist Produkt. Wer das nicht ernst nimmt, baut für die Demo, nicht für die Realität.
- Kleine treue Kund:innen sind ein Marketing-Asset. Sie sind nicht ein Schritt auf dem Weg zu großen; sie sind oft das, was die großen am Ende anzieht.
- Seltene Anfragen sind Erkenntnis-Material. Die häufigen Wünsche zeigen den Status quo; die seltenen zeigen, wohin der Markt sich öffnen könnte.
Und die meta-Lektion: das alles ist erst sichtbar geworden, weil wir Log+Key über viele Jahre selbst betrieben haben, nicht nur einmal verkauft. Das ist auch der Grund, warum wir bei Westwerk in Zukunft mehr Plattform-Geschäft und weniger einmalige Projekt-Verkäufe machen wollen — wir lernen nur dann ernsthaft, wenn wir mit den Konsequenzen unserer eigenen Entscheidungen über Jahre leben.
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